Eine Weihnachtsgeschichte?


Es war am frühen Nachmittag. Jonathan steuerte sicher wie immer sein Fahrzeug durch den dichten Stadtverkehr. 

Im Autoradio dudelten sie schon seit Wochen mit ansteigender Tendenz Weihnachtslieder. Heute ist der 24. Dezember dachte er sich. Endlich. Nicht mehr lange und das Gejaule ist vorbei! Seit er wieder allein lebte und die Kinder schon groß und dem Elternhaus entflohen waren, gab er nicht mehr so viel auf Weihnachten. Er war eher froh, wenn es vorbei wäre. Schnell vorbei wäre. Weihnachten, dachte er so bei sich. Lächerlich. Konsumorgie wohl eher. Nur weil da ein Kind, sicher eines von vielen in dieser Nacht, geboren war, sollte alles besser werden. Sollte der Friede in die Welt gekommen sein. Blah, blah, blah... 


Er konnte grad noch bremsen, als er die junge Frau sah, die vor seinem Auto lief. Es mussten Millimeter gewesen sein die zwischen ihr und der Stoßstange waren. Sie stand da wie eine versteinerte Figur, wie festgewurzelt und starrte auf die Windschutzscheibe und doch schien es, als würde sie nicht nur durch die Windschutzscheibe sondern auch durch alles andere hindurch zu starren. Sie bewegte sich einfach nicht.


Jonathan stieg aus dem Fahrzeug aus. Hallo, sagte er, hallo, ist alles ok? Sie starrte ihn nur an mit weit geöffnetem Mund. Kalt, sagte sie, mir ist so kalt. 

Hinter den beiden hupten die ersten Autos und ein Fahrer rief mit herunter gelassener Scheibe aus seinem Fahrzeug, er möchte doch jetzt endlich seine Frau ins Auto einladen und weiterfahren, man hätte doch heute besseres zu tun als auf der Straße im Stau zu stehen. 

Jonathan war so verdattert, dass er der jungen Frau sagte, sie solle bitte einsteigen. Er murmelte sogar noch etwas wie, es ist warm drinnen im Auto, oder so.

Die Frau zögerte, stieg aber dann doch auf der Beifahrerseite ein, drückte sich in den Sitz und zog die Beine leicht an. Jonathan sagte ihr noch sie möge sich anschnallen, aber da fuhr er schon los ohne weiter auf sie zu achten. Der Verkehr war enorm und forderte seine Aufmerksamkeit. Er suchte… Ja, was suchte er eigentlich. Einen Parklatz. Ja, na klar. Das war aber hier in der Innenstadt unmöglich. Überall Weihnachtseinkäufer, Schnäppchenjäger und Glühweinbudenbesucher. Alle wollten sie in die City. Alle wollten sie einen Parkplatz.

Er fuhr etwas Stadt auswärts, die gewohnte Strecke die er immer fuhr, wenn er nach hause wollte. Ein räuspern rechts neben ihm riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte sie schon fast wieder vergessen. Wohin fahren wir, hatte sie ihn gefragt. Er antwortet nicht, bog aber ab, auf einen Parkplatz, jetzt schon am Stadtrand. Erst als er zum stehen kam, drehte er sich leicht nach rechts und schaute sie an. Ich hatte Ihnen doch gesagt, sie möchten sich anschnallen. Sie versuchte ihm zu zeigen, dass sie es versucht hatte. Erst jetzt sah er ihren Bauch. Einen riesen Bauch. Jetzt wurde ihm bewußt, sie war schwanger. Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter. Er hätte fast eine Schwangere Frau überfahren. 

Auf jeden Fall war ihm klar, so konnte er die Frau nicht gehen lassen. Wohin gehen lassen? Er schaute sie an und sagte: Mein Name ist Jonathan. Wie heißt du? Ich heiße Maria. Aber nennen sie mich Mia, so wie alle.

Du bist mir vor den Wagen gelaufen! Was war los? Hast du nicht geschaut? 

Ich war so verärgert, so wütend auf jemanden, sagte sie. Ich bin einfach los gelaufen. Danke dass du so gut reagiert hast. 

Wer und was löst denn so einen Ärger aus, das man blind auf die Straße rennt? Fragte Jonathan mit wachsender Neugier.

Mein Freundin. Meine angeblich beste Freundin. Ich habe bei ihr gewohnt. Aber vor 3 Wochen ist ihr Neuer mit in die Wohnung gezogen. Seit dem gab es nur Stress. Jetzt hat er sie soweit gebracht, dass sie mich aus der Wohnung geschmissen hat. Ich weiß nicht mehr wohin. Es ist alles so sinnlos. Es sprudelte nur so aus ihr heraus. 

Kann ich dich irgendwo absetzen? Freunde, Verwandte? Oder, der Vater ihres Kindes? 

Der? Der hat sich aus dem Staub gemacht. Wollte keine Verantwortung übernehmen. Nein, es gibt keine Verwandten in der Stadt und keine Freunde. 

Eltern? Du musst doch Eltern haben?

Sie wohnen in Regenheim. Aber das ist gut eine Stunde mit dem Auto und ich wüsste nicht wie ich da hinkommen sollte.

Eine Pause entstand. Und eine erdrückende Stille. Sie wurde nach einer Zeit durch ein leises Weinen der jungen Frau durchbrochen. 

Jonathan fühlte sich hilflos. Er konnte noch nie gut mit weinenden Frauen umgehen. Das war so entwaffnend. Etwas unbeholfen reichte er ihr ein Taschentuch. 

Er wusste instinktiv was er zu tun hatte, rang allerdings noch mit seiner eigenen Überzeugung. 

Es dauerte aber nicht mehr lange und er durchbrach die Stille. Ok - ich fahre dich zu deinen Eltern. 

Das würdest du tun? Mit großen Augen schaute sie ihn an und es sah nicht so aus, als wolle sie es ihm ausreden. Weil heute Weihnachten ist, fragte sie. 

Weihnachten? Weihnachten ist was für Verrückte, erwiderte Jonathan.

Ich fahre dich zu deinen Eltern weil es keine andere Lösung gibt, sagte er kurz und knapp. Aber vorher setze dich bitte richtig hin und vielleicht ziehst du den dicken Mantel aus. Das ist zu unbequem und warm genug ist es auch im Auto. Umständlich pellte sie sich aus dem dicken Wollmantel. Dabei konnte er deutlich sehen, dass sie sicher schon bald ihr Kind bekommen würde. Vermutete er jedenfalls. Es war lange her, dachte er sich. So richtig konnte er sich nicht mehr an die Zeit erinnern als seine Frau damals schwanger war. 

So, sagte Mia als sie richtig saß und sah etwas erleichterter aus. Von mir aus können wir. Er meinte sogar, so etwas wie ein Lächeln über ihr Gesicht huschen zu sehen. 

Sie hatten die Stadt schon ein Stück weit hinter sich gelassen, als es anfing zu schneien. Auch das noch dachte er sich, mehr mit dem Rückweg, als mit dem erreichen des Zieles beschäftigt.

Sie war eingenickt. Ihre Hände lagen auf dem Bauch als würde sie einen großen Medizinball in Händen halten, der von ihrem Schoß zu kullern drohte.

Der Schneefall wurde immer heftiger. Man konnte kaum mehr als 50 Meter weit sehen und die Straße war bereits zugeschneit. Der Räumdienst ist bestimmt damit beschäftigt Parkplätze in der Stadt frei zu räumen, anstatt hier die Autobahn frei zu machen. Weihnachten – pah, dachte sich Jonathan verächtlich. 

Weit vor ihm konnte er schon im Schneetreiben das Blaulicht eines Polizeifahrzeugs erkennen. Er wurde langsamer. Auch Mia wurde inzwischen wach und fragte was denn los wäre. Das werden wir gleich hören sagte Jonathan. Erschrocken sah sie nun, was sich außerhalb des Autos abspielte. So ein Schneetreiben hatte sie noch nie erlebt. 

Ein Polizist stand mit einer Winkerkelle am Straßenrand. Er war aus dem Streifenwagen ausgestiegen, als er die Scheinwerfer des nahenden Autos sah. Die kurze Zeit die er draußen stand, reichte aus, um ihn wie einen Mensch gewordenen Schneemann mit Winkerkelle aussehen zu lassen. 

Sie können hier nicht weiterfahren, sagte er fast beiläufig. Die Autobahn ist ab hier gesperrt. Unfälle, Glatteis.  Am besten sie fahren hier an der Abfahrt runter in das nächste Dorf und suchen sich ein Zimmer zur Übernachtung. Bitte weiterfahren, bitte machen sie die Straße frei.

Jonathan setzte den Blinker und fuhr, wie ihm gesagt von der Autobahn runter. Zimmer suchen, das wird ja immer besser. 

Sie schaute ihn fragend an. Bleibt uns wohl nichts anderes über, sagte er. Tolles Weihnachten, was! Warum sagst du das so, so abwertend, fragte Mia ihn.

Das ist doch alles Humbug. Ist was für Kinder, brummelte er sich in den nicht vorhandenen Bart.

Am Ortseingang angekommen, einigten sie sich darauf, dass er auf der linken Straßenseite und sie auf der rechten Straßenseite nach einem Hotel oder ähnlichem Ausschau halten sollte. Sie waren schneller aus dem Ort wieder raus, als sie dachten. 

Das ist ein Kuhnest, sagte er. 

Jonathan drehte das Auto und fuhr wieder in das Dorf hinein. Ein Stück weit vor ihnen sahen sie einen Mann beim Schnee schaufeln. Durch das herunter gekurbelte Fenster fragte er nach einem Hotel, einer Pension oder ähnlichem. 

So etwas gäbe es hier nicht. Es gab mal einen Gasthof, aber der hatte zugemacht, nachdem sie die Autobahn hier gebaut hatten und die Leute nicht mehr über die Landstraße über die Dörfer fuhren. Verdammte Autobahn, schimpfte er. 

Gerade als Jonathan weiter fahren wollte drehte sich der Mann nochmal um und sagte, am Ende des Dorfes gäbe es einen großen Bauernhof.  Da wären vor kurzem die Kinder ausgezogen, in die Stadt. Vielleicht würde der Bauer ja ein Zimmer für eine Nacht vermieten. Man könnte es ja mal probieren.

Das dachten sich die beiden auch und fuhren die Straße entlang zu dem großen Bauernhof. Auf dem Hof angekommen hielten sie direkt vor der alten, schweren Haustür. In den Zimmern brannte das Licht. Es war also jemand da.

So standen sie nun beide vor der Tür und klingelten, warteten und wurden von Schnee fast zugedeckt.

Der Bauer öffnete die Tür und ein kleiner rundlicher Mann stand vor ihnen. 

Umständlich versuchte Jonathan zu erklären was sie nun eigentlich wollten. Das kleine Männlein wiegte den Kopf hin und her. Von hinten kam die Bäuerin und fragte was denn da los wäre. 

Sie sah sofort wie sich durch den geöffneten Mantel der dicke Bauch von Mia durchdrängte. 

Lass die Leute doch erstmal rein rief sie, schob ihn beiseite und zog die beiden verschneiten Gestalten in den warmen Flur. 

Wir benötigen ein Zimmer für eine Nacht. Die Autobahn ist gesperrt und wir können nicht weiter fahren. Eigentlich sind wir auf dem Weg nach Regenheim, zu ihren Eltern. Man sagte uns, sie hätten vielleicht ein Zimmer frei, da ihre Kinder nicht mehr hier wohnen, erklärte Jonathan.

Bauer und Bäuerin schauten sich an. 

Es ist heilig Abend sagte schließlich die Bäuerin. Da sollten wir etwas gutes tun. Kommen sie herein. Ich mache ihnen ein Zimmer fertig. 

Aber vorher muss ich noch nach meinen Braten schauen. Kommen sie herein. Sie zog Mia mit in die Küche und setzte sie an den großen Küchentisch. 

Möchten sie einen Tee? Lächelnd bedankte sich Mia. Ja, gerne. 

Machen sie es sich bequem, sagte die Bäuerin. Ihre Handgriffe in der Küche waren schnell und man sah darin, das sie geübt war. Sicher hatte sie Jahrelang eine eine Großfamilie versorgt.

Ich richte jetzt das Zimmer sagte sie und war verschwunden. Die mollige Wärme machte sich im ganze Körper der jungen Frau breit. Ein Gefühl von zu hause, von Heimat stieg in Mia hoch. 

Der Bauer hatte Jonathan mit in die gute Stube genommen. Dort stand bereits der Weihnachtsbaum, festlich dekoriert und wartete darauf, dass die Lichterketten ihn zum strahlen bringen würden. Wir machen ihn einfach mal an sagte der Bauer.

So, und zur Feier des Tages trinken wir beide jetzt mal einen Lütten. Seine gnubbelige rote Nase verriet, dass er wohl des öfteren gerne ein Gläschen trank. Den ersten tranken sie in der Stube.

Dann nahm der Bauer die Flasche und ging vor in die Küche, wo Mia ihren Tee trank. Einen kleinen noch sagte er und schenkte Jonathan ein. Die Bäuerin hatte schnell das Zimmer vorbereitet kam wieder dazu, nahm sich auch einen Tee und setzte sich zu den dreien an den Tisch.

Sie wollte grad fragen, wann das junge Glück mit dem Nachwuchs rechnete, als Mia das Gesicht schmerzverzerrt verzog und ein leichtes Stöhnen aus ihrem Mund entwicht.

Geht es ihnen nicht gut, fragte der Bauer. Ich weiß nicht sagte Mia, ich glaube, es geht los!

Was geht los, fragte Jonathan. Die Bäuerin legte die Hand auf den Bauch der junge Frau und fragte nach den Abständen. Jonathan verstand nichts, der Bauer aber alles. Er ging in den Flur, als seine Frau ihm zugenickt hatte und griff zum Telefon. Er rief eine Nummer ein paar Häuser weiter an. Eine alte Freundin der Bäuerin wohnte dort. Die war jahrelang Hebamme, praktizierte aber ebenso viel Jahre schon nicht mehr. 

Eine halbe Stunde später war sie in der Küche des Bauernhauses angekommen. 

Eigentlich wäre bald die Bescherung sagte sie nur. Die haben wir hier auch gleich antwortete die Bäuerin und zeigte auf Mia. Der Weg in das vorbereitet Gästezimmer war nun schon zu weit und es blieb nur eine Möglichkeit. Die alte Ottomane in der guten Stube. Schnell war die junge Frau dort hin verfrachtet. Die Männer bekamen die Anweisung in der Küche zu bleiben und sich nicht zu mucken. Die Flasche nahm die Bäuerin ihrem Mann vorsichtshalber weg was dieser mit einem resignierenden Achselzucken quittierte. Jonathan aber grinste in sich hinein. 

Jonathan wusste gar nicht wie ihm geschah. Dein erstes Kind fragte der Bauer und schlug ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Das wird schon sagte er, die machen das die Frauen, wirst sehen. Heute ist Weihnachten, da wird alles gut!

Es dauerte nur eine kleine Ewigkeit bis ein heller Schrei aus dem Nebenzimmer drang. Kurz darauf öffnete sich die Tür und die Nachbarin rief die beiden Männer in das Zimmer. 

Das war ein besonderer Anblick. 

Neben dem  Weihnachtsbaum, eingehüllt in dessen weiches Licht, lag die Mia auf der Ottomane und hielt ihr Baby im Arm. Die Bäuerin konnte ihre Rührung nicht verbergen, ebenso eine kleine Träne die über ihre Wange lief. Die Hebamme hatte ein Lächeln auf den Lippen wie ein Engel und der Bauer machte so große Augen, als wollte er alles nicht glauben können.

Mia aber sah in das Gesicht ihres Babys und sagte Frohe Weihnachten mein kleiner Engel. 

Jonathan stand am Rande und konnte gar nicht verstehen was da mit ihm geschah. Das Bild das sich ihm bot war so voller Rührung, so voller Frieden und Harmonie das es ihn überwältigte. 

Er schämte sich nicht seiner Gefühle die ihn so sehr überkamen. Er wollte auch frohe Weihnachten sagen, aber seine Stimme versagte gänzlich.

Das ist die Liebe von der Christus sprach, sagte die Hebamme und nahm den jungen Mann in den Arm. Das ist das Geschenk, das er uns machte. Er hat uns das Leben und den Weg in die Freiheit Geschenkt, er gab uns die Liebe. So, wie dieses kleine Wesen hier liegt, so war er auch. Er ist Mensch geworden. Für uns. 

Und sie fing an, ein Weihnachtslied zu summen und zu singen, so schön, dass alle verzückt  waren und ihre Freude nicht mehr zu bändigen. Von Ferne hörte man die Glocken der Kirche und ein festlicher Schauer überkam jeden.

Mia aber, nahm alles auf. Die Worte, die Stimmen, die Musik und behielt alles und bewegte es in ihrem Herzen.