Dunkle Wolken über Thalgrund

 

Über dem Wäldchen thronte die goldene Sichel des Mondes, ein Käuzchenruf ertönte aus der Ferne. Zwei funkelnde Augen beobachteten den Himmel mit seinen schwirrenden Lichtern zu dieser einen besonderen Zeit.

Ein weiteres Paar leuchtender Augen gesellte sich hinzu vom anderen Ufer des Wildbachs. Suchend und unruhig tasteten sie die Dunkelheit ab. Etwas hatte die Ruhe in Thalgrund gestört, ja, vielleicht sogar erschüttert.

Das war für jeden hier in den Bergen, dem Wald und am Wildbach spürbar. Sogar der Wind eilte davon und flüsterte den Gräsern zu, sie sollen Acht geben.

Eine Gefahr der besonderen Art lauerte hinter den schimmernden Bergen.

Eleanor duckte sich ängstlich... Sie wollte keinesfalls entdeckt werden. Auch Simprus verbarg sich unter dem Blätterdach des niedrigen Baumes am Ufer.

Plötzlich sahen beide den riesigen Blitz, der in einem grell-grünen Lichtstrahl hinauf in die Nacht schoss.
Erschrocken drückten die beiden sich aneinander und schauten sich an. In den Gesichtern spiegelte sich Angst, aber auch eine gehörige Portion Neugier. Und wenn Kobolde eines waren, dann neugierig. Und es passierten viele seltsame, neugierig machende Dinge in Thalgrund. Die beiden mussten die Augen schließen, so stark blendete das grelle Blitzlicht. Plötzlich ertönte ein krachender Knall. Eleanor’s Herz raste vor Aufregung, sie wagte es kurz, in den Himmel zu blicken und dabei stockte ihr der Atem.

Wer wagte es, in ihre so beschauliche Welt einzudringen und für solch eine Unruhe zu sorgen? Fragend und zunehmend entrüstet, musste sie der Sache auf den Grund gehen. Doch erst wollte Eleanor erforschen, wer ihr Gegenüber war, woher er kam. Simprus staunte mit offenem Mund, als Eleanor sich vor ihm ganz aufrichtete. Denn dort, wo er herkam, waren die Kobolde etwas kleiner, vor allem die weiblichen.

„Mach den Mund zu“, sagte Eleanor ziemlich flapsig zu ihm. „Oder machen ...“, weiter kam Eleanor nicht. Mit einem Satz hechtete Simprus auf die verdutzte Eleanor und stieß sie zu Boden.

Ein Blitz schlug in den Baum ein, der die beiden haarscharf verfehlte. Der Baum verkohlte nicht, stattdessen verwandelte er sich in Eis. Nicht zu fassen, was eben geschah!

Simprus kam geschwind auf die Beine, hob die anmutige Kobolddame auf, die von dem Zusammenstoß noch völlig benommen vor ihm lag, um sie aus dem Gefahrenbereich zu bringen. Er kannte sich zwar hier nicht sehr gut aus, doch nutzte er das dichte und tiefe Gebüsch in geduckter Haltung, Eleanor an der Hand ziehend, um etwas tiefer in den Wald zu gelangen. Nach einigen Metern stolperte er über eine Wurzel und Eleanor dann über ihn. So kamen beide flach auf dem Boden zum Liegen. Ein seltsames Geräusch war aus dem Wald zu hören. Eine Art Klopfen. Simprus gab Eleanor ein Zeichen, dass sie hier warten und sich still verhalten solle. Dann schlich er flink davon.

Plötzlich kam das Geräusch aus einer anderen Richtung. Es kam immer näher.

Wenn Eleanor nur den Klang enträtseln könnte! War das etwa wieder dieser selbsternannte Zauberfreak, dem mehr um die Ohren explodiert als dass er Neues erfindet?

Oder war das wirklich der mächtige ... Nein! Niemals den Namen auch nur ansatzweise denken. Der darauffolgende Lachanfall würde sie mit Sicherheit verraten. So ein mächtiger Zauberer und so ein unglaublich, urkomischer Name! Beide Hände vor den Mund gepresst, entwischte ihr ein Glucksen.

„Was gibt’s denn zu kichern? Ich reiß mir hier meinen zarten Hintern auf und du amüsierst dich?“, wetterte Simprus, der hinkend aus dem Gebüsch hervortrat. Das linke Hosenbein war zerrissen, der Filzhut zerdrückt und der Mantel tropfend vor Nässe, schaute er weit weniger würdevoll aus. Jetzt konnte sie sich nicht mehr zügeln: „Entschuldige, ich lache aber nicht über dich, denn...“ Eleanor hielt sich laut lachend den Bauch, mit der anderen Hand zeigte sie zum Ufer: „Da drüben lebt ...“, weiter kam sie nicht. Ein weiterer greller Blitz sauste über ihre Köpfe hinweg, traf einen Baum und versteinerte ihn.

„Man sollte nicht zaubern, wenn man Schluckauf hat“, hörten die beiden eine schimpfende Stimme rufen.

„Wir müssen uns vor dem großen Zauberer verneigen und dürfen ihm nicht in die Augen blicken“, flüsterte Eleanor.

„Was!? Der da, soll der Zauberer Gn...“ „Psst, ja nicht seinen Namen aussprechen, sonst wirst du ins Land der kopflosen Gnonimanten geschickt! Das willst du nicht wirklich oder?“

Ganz bleich geworden bei dem Gedanken, dass Simprus ohne Kopf herumschwirren sollte, duckte er sich und hörte auf Eleanor’s Rat.

Beide traten geräuschlos den Rückzug an.

Währenddessen hatte noch jemand, versteckt im Unterholz, die ganze Situation beobachtet. Die beiden tollpatschigen Kobolde hätten beinahe seinen lang gehegten Plan durchkreuzt. Aber wer weiß, vielleicht konnten ihm diese beiden ja helfen. Er schniefte vor Schadenfreude. Dabei wackelte sein schiefes Kinn hin und her und gelber Speichel tropfte aus dem breiten Mund. Seine Augen glänzten während er die beiden Kobolde beobachtete. Mit lieblicher Stimme sang er die Zaubermelodie, die er von den weisen Alten gelernt hatte und von denen er um ihre Wirkung wusste. Niemand war es bisher gelungen, sich der Wirkung zu entziehen.              

Ein gutes Gefühl des Schwindels erfasste die beiden Kobolde. Wie von Geisterhand bewegten sie sich im Gleichschritt auf den Zauberer zu. Die Melodie betörte auch die kleinen zierlichen Waldfrösche. Zu Tausenden hüpften sie aus ihren Erdhöhlen am Bach und sangen in hohen Tönen die Zauberformel bis eine riesige Kristallkugel zum Vorschein kam.  

Von dem lieblichen Gesang ebenfalls animiert, deute Eleanor, die aber um dessen Gesang wusste, ganz schnell Simprus an, sich die Ohren schleunigst zu verschließen. Wie das bei Kobolden aussieht... sehr lustig. Mit dem Kopf nickte sie in eine Richtung und zeigte ihm so den Rückzugsweg an.

Da tat es einen weiteren heftigen Schlag und ein erneuter greller Blitz fegte über ihre Köpfe hinweg und traf die Kristallkugel. Silberne Streifen überzogen den Himmel, Glassplitter wirbelten durch die Luft und einer davon traf den Zauberer. Blut lief über seine Wange. Verdutzt hielt er inne. Wer wagte es, seine Kugel zu zerstören? Voller Wut schrie er, übertönte Donner und Wind.

Eleanor ahnte, dass die Folgen dieses Wütenden den gesamten Thalgrund zerstören würden, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird. Schnell griff sie in ihrer Rocktasche das Zauberdöschen, nahm eine kleine Silberperle heraus, drehte sie 3 Mal in der linken Hand. Simprus starrte mit weit geöffneten Augen auf die Perle. Und... es geschah nichts!

Eleanor stutzte. Da ergriff jemand mit fester Hand die beiden, die entsetzt nach oben schauten. Der große Zauberer Gnubbelstrumpf stand hinter ihnen. Vor Schreck ließ Eleanor die Perle fallen. Sie versank im dunklen Moos.

„Woher hast du diese Perle?“ wollte der Zauberer wissen. Eleanor stammelte wirres Zeug; der magische Blick hatte sie bereits getroffen. Sie wehrte sich mit ihrer Kunst, indem sie mit verrenkten Fingern eine Art Figur vor sich hielt. Sofort stoppte der Magier, musterte sie aus schmalen schlitzen. „Wer bist du, kleiner Wicht?“ Na, das ging ihr zu weit. Sich sammelnd, wetterte sie ungehalten los: „Wicht! Ich bin ein Wicht?“

Eleanor lief violett an. Der große Zauberer zog die Augenbrauen hoch. „Ich bin eine Trollprinzessin!“ Sie baute sich vor ihm auf und stemmte die kleinen Fäuste in die Hüfte. Simprus stand da mit offenem Mund und staunte über Eleanor’s Mut. Angestachelt von ihrer Energie, trat er dem Zauberer gegen das Schienbein und schimpfte: „Lass uns los, sonst holt dich der Drache!“

„Was bist du denn für ein winziger Wurm?“, knurrte Gnubbelstrumpf.

Simprus behielt die Ruhe: „Du meinst sicher witzig und so schnell wie ein Sturm?“

Ja, schon färbte sich der Himmel dunkel. Niemand verstand Simprus’ Murmelsprache, doch blitzschnell begriff auch Eleanor, dass er zaubern konnte.

„Ihr wisst gar nicht, in welcher Gefahr ihr euch befindet!“, sprach Gnubbelstrumpf, der nun begriff, welche Kräfte in den beiden Kobolden schlummerten. Er ging tief in die Hocke, sah Simprus fest in die Augen, zeigte auf seine Nasenspitze und sprach: „Spare dir deinen Zauber, kleiner Kobold!“

Und zu Eleanor gewandt: „Helft mir, den Fluch, der sich über Thalgrund gelegt hat zu besiegen! Böse Mächte treiben ihr Unwesen und drohen das Gleichgewicht zu ihren Gunsten auszunutzen und die Herrschaft zu übernehmen.“

Mit einem kurzen Seitenblick zu Eleanor fragte Simprus keck: „Deshalb wird wohl vorher alles auf Eis gelegt?“, und schob den Finger des Zauberers aus seinem Gesicht beiseite.

 „Warum sollten wir dir glauben?“, fragte Eleanor etwas ernsthafter als Simprus.

„Wer sagt uns denn, dass nicht du derjenige bist, der das Gleichgewicht zerstören will?“

Gnubbelstrumpf setzte sich schwer auf den Boden und sprach: „Hört mir zu und beantwortet meine Frage. Wer von euch weiß, wer meine besten Freunde sind?“ „Ich“, sagte Eleanor.       

„Du bist der Freund der Meister der Lüfte, der Vögel. Sie lieben dich.“

„Und, hört ihr sie?“, mit trauriger Stimme blickte er schief zum Wäldchen, ehe er seinen Kopf sinken ließ.

Noch nicht vollständig überzeugt, forschte Simprus nach Anzeichen, die den großen Zauberer enttarnen könnten. Aber auch Eleanor seufzte für alle hörbar. Das ging Simprus gehörig gegen den Strich. Gefühlsduselei konnte er noch nie leiden. Er war ein Kobold der Tat. Er saß nicht nur so herum und so schnell ließ er sich nicht von der bedrückten Stimmung einfangen. Andererseits war ihm auch klar, dass er es mit dem Zauberer nicht verscherzen durfte. Denn, wenn Gnubbelstrumpf wirklich ein Freund war, wären sie auf seine Hilfe angewiesen. Er und Eleanor konnten gegen die bösen Mächte nichts ausrichten, ihre Zauberkräfte wirkten nur

zur Hälfte. Da ist guter Rat jetzt sehr teuer.

„Gibt es nicht dieses große, weinrote Buch...wie hieß es doch gleich? Na, ihr wisst schon, aus der Koboldmagieschule. Dort gibt es eine ganze Reihe verwendbarer Sprüche, mhm..., sinnierte Simprus.

„Das große rote geheime Buch. Liber secretorum magnus rufus. Das ist es.“ Gnubbelstrumpf blickte auf und schnippte mit dem Finger. „Wir brauchen es dringend, wenn ER es nicht bereits hat.“ „Wer ist ER?“, fragten beide gleichzeitig.

„Das erkläre ich euch später. Wir dürfen jetzt keine Zeit verlieren! Helft mir die Silberperle zu finden! Die muss doch hier im Moos liegen.“ „Was willst du mit meiner Zauberperle?“, fragte Eleanor aufgeregt.

„Sie wird uns helfen, den richtigen Weg zum Buch zu finden!“

Während drei Augenpaare eifrig suchten, kam ihre befreundete Elfe Mira zu Eleanor, die für die anderen noch unsichtbar blieb. Sie wies Eleanor die Stelle im Moos mit der Zauberperle.

Mit dünner zirpender Stimme flüsterte Mira Eleanor ins Ohr: „Beeilt euch, verliert keine Zeit, denn auch unser Reich, das Reich der Waldelfen ist in großer Gefahr!“ Eleanor nickte Mira mit einem sorgenvollen Blick zu, um dann sich zu konzentrieren. Sie fokussierte die Perle und setzte ihre ganze Kraft für den Zauberspruch ein.

Gnubbelstrumpf folgte wachsam ihrem Blick. Das Aufleuchten der Perle ließ ihn zusammenzucken. Denn nur er wusste von dem Ausmaß der gewaltig zu nutzenden Wirkung, die jedoch in Eleanors und damit nicht in seiner Hand lag. Er wollte schon fast das Kügelchen ergreifen, doch wurde er durch eine leise Stimme direkt neben ihm gewarnt: „Versuche ja nicht unsere Eleanor abzulenken! „Ich beobachte dich genau!“ Und etwas versöhnlicher: „Vertraue Eleanor, sie ist etwas Besonderes und sie kann Besonderes!“

Eine ungewohnte Situation für Gnubbelstrumpf. Er, der große Zauberer, hatte die Fäden nicht in der Hand. „Hoffentlich schreckt sie nicht den alten König der bösen Geister auf. Das wäre verheerend! Vielleicht hat er das große rote, geheime Buch.“

Simprus forschte Gnubbelstrumpfs Gesichtszüge. Er wurde nicht schlau aus diesem gefitztem

Wirrwarr. Doch warum nahm der Magier plötzlich seine Hand zurück, legte den Kopf schräg? Hörte er etwas?

Ach, in dem Moment sah auch Simprus eine niedliche Elfe, die aber sehr aufgeregt zu reden schien. „Weißt du keinen Rat? Du klein gewachsener Kobold? Erinnerst du dich nicht an die Geschichten, die am Feuer von den weisen Alten erzählt wurden?“

Unterdessen hatte Zarobal sein Gesicht von Blut und gelbem Schleim gereinigt. Und er schwor Rache für die zerstörte Zauberkugel aus dem Glas, das in den Höhlen Thalgrunds gebrannt wurde. Seine Macht war eingeschränkt und sein Ziel, das Zauberbuch an sich zu nehmen, rückte in die Ferne. Fieberhaft suchte er nach einem Plan, aber er fühlte nur Leere.

Inzwischen weihte Eleanor ihre Mitstreiter in den ersten Schritt ihres Vorgehens ein. Mit Hilfe der Perle möchte sie nördlich von Thalgrund in der Biegung des Wildbaches diesen bizarren Baumstamm zum Sprechen erwecken, der alle Nachrichten im Land auf wundersame Weise zu erhalten schien. Sie traten auf den schmalen Pfad am Ufer des Wildbachs. „Wir müssen hintereinander gehen“, sagte Eleanor. Der Pfad ist zu schmal und er ist glatt und rutschig von der Feuchte des Wassers.

Wie aus dem Nichts tauchten die kleinen Waldfrösche auf. Sie legten sich dicht nebeneinander und bildeten einen Teppich, sodass die Gruppe mühelos zum seltsamen Baumstamm gelangen konnte.

Mira schwirrte übermütig vor Eleanor’s Nase herum und freute sich: „Hoi, welch ein Abenteuer! Schaut euch das an!“, ließ sich genüsslich in das Blütenmeer des Zauberblumenringes sinken.

Fasziniert starrten alle auf das Schauspiel vor ihnen. Selbst die neugierigen Frösche, die sich wagten, zu den Dreien aufzuschließen. Ohne ihr weit hörbares Quaken anzustimmen, machten riesige Augen!

„Aber wie wollen wir den alten Baum zum Sprechen bringen?“, fragte Simprus hilflos. „Das Geheimnis liegt vor deiner Nase“, sprach Gnubbelstrumpf. Simprus beugte sich neugierig über den knorrigen Baumstamm. Zwei riesige Glubschaugen starrten ihn aus dem Astloch an. Eleanor schubste Simprus resolut zur Seite. „Lass mich das machen! Da ist koboldisches Frauenfingersitzengefühl gefragt!

Während skeptisch Simprus ihr den Platz räumte, zog Eleanor ihr kleines handgefertigtes Beutelchen mit der Zauberperle aus der Tasche, hielt diese über die neugierigen Baumglubschpupillen und murmelte ihre magischen Worte. Tatsächlich und zum Erstaunen aller geschah Wunderliches mit der Perle. Erst wurde sie ganz klar und durchsichtig, dann wieder wie mit Nebel gefüllt, um endlich im Inneren einen Mund sichtbar werden zu lassen, der dem Baum eine Stimme verlieh.

„Wer wagt es, mich nach 199 Jahren zu wecken? Hoffentlich hat derjenige einen triftigen Grund!“, hallte die tiefe Stimme. Eleanor schluckte leer, sie ließ sich keine Angst anmerken.

„Wähle bedacht die richtigen Worte!“, flüsterte Gnubbelstrumpf.

„Wir bitten vielmals um Vergebung, dich aus der magischen Stille erweckt zu haben, allmächtiger Wissensbaum. Nie hätten wir riskiert, deinen Zauberschlaf zu stören, doch sind wir alle in Gefahr! Weißt du nicht, allwissender Wurzelstamm, dass eine unheimliche Gefahr über Thalgrund liegt? Haben dir deine Blätter nicht geflüstert, was hier Unheimliches geschieht? Und haben dir deine schwingenden Äste nicht davon berichtet, dass sich kein Vogel mehr auf sie setzt?“

Es entstand eine kurze angsteinflößende Stille.

"Wir sollten schleunigst von hier verschwinden", sagte Simprus, ihm war es nicht geheuer. Kein Lüftchen wehte, sogar die Sonne war mitten am Tag untergegangen. Eleanor blieb reglos stehen, beachtete Simprus Worte nicht. Ein greller leuchtend blauer Strahl erschien im Hintergrund und kam in sich wirbelnd langsam auf die Gruppe Staunender zu. Kurz bevor er sie erreichte, fiel eine Papyrusrolle vor Eleanor. "Ihr werdet sicher das Rätsel auf der Karte entschlüsseln! ",hörten alle gebannt die Baumstimme. "Nun geht!"


Blitzschnell ergriff Eleanor das Papyrus und entrollte es. Leuchtende Buchstaben erschienen darauf und langsam begann sie laut zu lesen: 

Das Buch das Lösungen verspricht 

Findet sich wo niemals Licht

Der Honigdieb noch nicht erwacht

Hat es in seine Macht gebracht.


Fragend und u. etwas ratlos blickte sie ihre Freunde an. Sie grübelten was das zu bedeuten hatte. "Das muss im Reich des Nasenhonigbär sein" kam Eleanor in den Sinn. "Aber dort ist immer Tag!" entgegnete Simprus. "Ich hab ne Vermutung. Schaut euch die die die die... ", stotterte er vor sich hin," sie beginnt..." Wie von Magie gelenkt, zog er mit dem Finger die dünnen Linien nach, die nun ganz schwach zu glühen begonnen hatten. "Du musst jetzt unbedingt den richtigen Weg aus dem Labyrinth finden, damit das Lösungswort erscheint", gab ihm Eleanor zu verstehen. Immer schneller lief die Linie. Simprus hatte Mühe ihr mit dem Finger zu folgen.  Sie schlug Haken, machte Kurven und plötzlich blieb sie stehen. Ein Bild entstand und Simprus konnte es sich gerade noch merken als die ganze Karte Feuer fing und vor ihren Augen verglühte. 


Wir müssen in die Höhle des alten. Geisterbären hinter den Wasserfällen. Kein einfacher Weg. Denn beim Höhleneingang lauert die Wächterin des bösen Auges erklärte Simprus. Um die werde ich mich kümmern, meldete sich Gnubbelstrumpf zu Wort, obwohl er wusste, dass seine Kräfte allein nicht ausreichen würden. "Dazu brauche ich aber doch dringend eure Hilfe und einen ausgefeilten Plan!", gab er unumwunden zu." Bis es soweit ist, sollten wir uns auf den Weg machen!" 


Simprus an der Spitze lenkte seine aufgeregten Mitstreiter am Wildbach zum Grauwäldchen hin, den sie schon nach kurzer Zeit erreichten. Ihre Schritte wurden langsamer, je näher sie dem dunklen Eingang kamen aber Gnubbelstrumpf mahnte zur Eile. „So lange es dunkel ist, wird der Blick der Wächterin des bösen Auges getrübt. Ihr müsst nur still sein, dann kann ich meine Stimme betörend erklingen lassen u. sie dadurch ablenken. Diesen Moment müsst ihr beiden Kobolde geschickt nutzen, um in die Höhle zu gelangen. Und wie sollen wir den Geisterbär überlisten? fragte Eleanor voller Tatendrang. Er ist taub aber hat Augen wie ein Luchs!", warnte derZauberer. "Eben gefährlich, missgönnend!" 


Nachsinnend fragte Eleanor ihren Koboldfreund, ob er zufällig eine weitere Zauberperle in seiner Jacke findet. Mit ihr und Magie könnten sie beide unsichtbar nach dem roten Buch suchen, ohne entdeckt zu werden. Simprus lief rot an und sein Gesicht leuchtete wie eine Laterne im dunklen Wald. „Ich hab sie verloren“ schniefte er mit gesenktem Kopf. „Vorhin als der Blitz über uns hinweg zischte und ich zu Boden fiel. Ich habe es viel zu spät bemerkt.“ Über ihren Köpfen hörten sie Mia´s  Stimme „Öffne deine Hand“ 


Sie schwebte ganz nah heran und wisperte eine Zauberformel. Aus ihrem Zauberstab schossen tausend winzige Sterne, die Simprus einhüllten bis er plötzlich verschwunden war. Eleanor schaute voller Bewunderung und Stolz zu. Wer hätte das gedacht, dass in Mia solches Talent und Können schlummert. Mit diesem freudigen Gedanken beschäftigt, umhüllte der lichtglänzende Sternenregen Eleanor ein, die ebenfalls verschwand. Das Gute daran war, dass die 2 Kobolde unsichtbar für die anderen wurden, sich jedoch gegenseitig wieder erblickten. 


Eilt Euch, hörten sie Mia rufen, der Eingang liegt direkt vor euch. Der Zauber hält nicht allzu lange. Und zu Gnubbelstrumpf sprach sie „Nun ist es an dir, die Wächterin des bösen Auges abzulenken. Erhebe deine Zauberstimme.“ Gnubbelstrumpf formte einen Trichter mit seinen Händen und stimmte eine melancholische Liebesmelodie an. Sogar Mia war von seiner sanften hohen Stimme leicht benommen. Doch als die Wächterin des bösen Auges den giftigen dunklen Schleier über Gnubbelsrumpf warf, erschrak sie heftig. Denn Legenden besagen, dass bis anhin kein mächtiger Magier damit in Berührung kommen darf, ohne dass die Wirkung auf das Böse zurückgeworfen wird.


Ein anschwellendes Zischen und Brodeln konnten in dem Moment die zwei mutigen Kobolde vernehmen, rannten in den nur matt beleuchteten Steinsaal der Höhle, in dessen auf einer Erhebung ein dunkler Berg, ja eher ein riesiger Fellhaufen sichtbar wurde. Langsamer werdend und schnell atmend erreichten sie ihn. Sein tiefes schnaufen war deutlich zu hören. Es signalisierte den Beiden, dass im Moment keine Gefahr bestand. Da - ein rotes Dreieck lugte unter dem hervor. 


Simprus pirschte sich heran und Eleanor setzte ihre Zauberkunst ein, indem sie die verlorenen Traumbilder des Geisterbären zurück holte. Ein lauter Aufschrei brachte sie aus dem Konzept. Das ist doch Mias Stimme, ging ihr schlagartig durch den Kopf. Der Augenaufschlag des vor ihnen liegenden Ungetüms mahnte sie jedoch, schnellstens ihre Magie zu vertiefen, damit der Bär träumte und abgelenkt bliebe. "Du kümmerst dich derweil um Mia, während ich versuche, das Zauberbuch zu holen!", wies sie Simprus an. Er wollte bereits widersprechen, als erneut Mias Ruf bitterlich durch die Höhle hallte. 


Mit weit aufgerissenen Augen rannte Simprus der Stimme entgegen. Was er sah ließ ihn erstarren. Über seinem
 Kopf in einem Spinnennetz zappelte Mia, aber von der Spinne war zum Glück nichts zusehen. Mit einem kühnen Satz sprang er hoch und - daneben. Autsch! Unsanft landete er auf dem Boden. Verdattert blickte sich Simprus um. Von Mia war nichts mehr zu sehen und hören. Das Spinnennetz war leer! Ein grosser dunkler Schatten beugte sich über Simprus. Er robbte so schnell er konnte und versteckte sich in einer Nische. Er wartete bis er nichts mehr hörte. Doch sein Herz klopfte viel zu eilig und sehr laut. Dann öffnete er die Augen und fand erstaunlicherweise nur noch die Felswand vor sich. War das eine Illusion? Wo blieb nur... Schon rannte er wieselflink zu Eleanor zurück. 


Sie zerrte gerade an dem Fell des Bären, der schnarchend vor ihr lag. Ihn zu bewegen schien unmöglich. Gnubbelstrumpf kam aus dem Dunkel herbei und Mia hüpfte auf seiner Schulter. Fragen sahen sich Eleanor und Simprus an. Keine Zeit für Erklärungen raunzte er.

"Achtung“, rief Mia und blies eine Portion Elfenstaub in die Nase des Bären. 
Das laute Schnarchen verstummte augenblicklich. Der Bär brummte wohlig vor sich hin und drehte sich im Zeitlupentempo auf die rechte Seite. Eleanor nutzte die Gelegenheit und schnappte sich das Buch. Sie eilte zielbewusst Richtung Höhlenausgang dicht gefolgt von Simprus. Mia beäugte den Berg voller Fell, der nun friedlich träumte. Sie fragte vorsichtshalber nach, ob alle unbescholten an der Wächterin vorbei kämen, ehe noch Gefahren lauern könnten. Dabei schwirrte sie vor Gnubbelstrumpfs Gesicht auf und ab. "Das böse Auge?? ", eindringlichst nachhakend. 


Auch Eleanor hörte es, hatte aber schon das Buch geöffnet und suchte eilends die richtige Seite. Ein Eselsohr wies ihr das Blatt, und während sie noch rannte fing sie laut an zu lesen. Die Zeilen fingen an zu leuchten, und als sie endete hörte sie das böse Auge am Eingang der Höhle explodieren. Die Anderen eilten herbei und alle blickten gebannt nach Draussen. Eine gelbe Rauchsäule stieg bis zu den dunklen Wolken empor. Blitz und Donner verzogen sich, helle Sonnenstrahlen durchfluteten das Land und endlich war in Thalgrund wieder Vogelgezwitscher zu hören nebst der Freude und dem Jubel von Eleanor.




--- Ende ---




 

Stand 01.06.2017