Plöpp

Es war spät geworden. Schon wieder zu spät geworden. Die junge Frau hastete durch die Wohnung, im Vorbeigehen hob sie die umher liegenden Sachen ihres kleinen Sohnes auf, die er einfach liegen gelassen hatte.
Welcher Tag war heute? Ach egal, das Spiel war immer das gleiche. Sie kam sich vor wie in einer Wiederholungsschleife. Immer dieses Hasten, immer in Eile. Die Zeit schien ihr stetig davon zu laufen. Der Abwasch wartete auch noch auf sie. Vor dem großen Spiegel hielt sie inne und schaute sich kurz an. Friseur. Ach ja, da wollte sie schon so lange hin. Aber wann? Es gab noch so viele Dinge zu tun und es war ihr, als schwappte alles wie eine große Welle über sie und sog sie in ein Meer von Aufgaben, Verpflichtungen und Erledigungen die sie nicht mehr loslassen wollten. Als wären es die Tentakeln einer großen Krake. Eine schlägst du ab und zwei wachsen nach, die sofort nach dir greifen.
Sie wusste nicht wie lange sie vor dem Spiegel gestanden hatte. Etwas ließ sie herumfahren. Da war doch was. Oder etwa doch nicht? Nein da war etwas. Irgend etwas ist doch eben hinter mir lang gehuscht dachte sie. Seltsam.
Der Blick auf die Armbanduhr ließ sie den Gedanken vergessen. Es wird immer später. Mir läuft die Zeit davon. Die Müdigkeit kroch an ihren Beinen empor. Schlafen. Wie gerne würde sie sich jetzt einfach so ins Bett fallen lassen, in Träume versinken... einfach alles loslassen.
Da, da war es wieder. Sie glaubte etwas kleines, graues, unscheinbares und nicht näher zu identifizierendes "Etwas" aus dem Augenwinkel gesehen zu haben. Ich spinne doch nicht, dachte sie bei sich.
5 Minuten. Mein Gott, ich hab doch hier keine 5 Minuten gestanden. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!
In der Küche angekommen musterte sie den Abwasch, schnaufte einmal kurz durch und fing  mechanisch an, ihre Hausarbeit für den heutigen Tag zu beenden.
Ihre Gedanken flogen dabei hin und her. Zogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft und wieder zurück. Bilder liefen an ihr vorbei, sie verweilte bei den schöneren und die weniger schönen schob sie in Gedanken zur Seite.
Erledigt. Zufrieden sah sie sich um. Für den heutigen Tag war alles geschafft. Im Nebenzimmer schlief ihr kleiner Sohn. Leise öffnete sie die Tür. Durch das Licht, das in das kleine Zimmer fiel, konnte sie sehen, dass er ruhig atmete und friedlich schlief. Ein Lächeln huschte über die vor Müdigkeit brennenden Augen. Er war ihr Sonnenschein und auch ihr ganzer Stolz.
Nun konnte sie sich endlich auch zur Ruhe begeben.

Die Nacht, wie immer zu kurz, war traumlos und doch hatte sie das Gefühl, nicht allein zu sein. Als würde jemand nur darauf warten... ja aber worauf? Sonderbar dachte sie noch während sie sich schlaftrunken im Bett wälzte.
Nur noch fünf Minuten hatte sie sich gedacht. Einfach fünf Minuten noch liegen bleiben. Als sie vor dem Bett stand waren es zehn. Wie geht das? Sie hatte doch auf die Uhr geschaut. Es waren definitiv 5 Minuten. Warum sind es jetzt zehn? Wo ist die Zeit?
Das kalte Wasser tat gut. Den Kopf tief über dem Waschbecken, schaufelte sie sich das kalte Wasser regelrecht ins Gesicht. Nach oben kommend schaute sie in den Spiegel und, da war es wieder. Wieder meinte Sie etwas kleines, Graues blitzartig hinter ihr verschwinden zu sehen. Oder war es doch Wasser im Auge?
Der Junge rief ungeduldig aus der Küche. Er hatte Hunger. Frühstück. Ja, jetzt müssen wir erst einmal frühstücken.

Der Vormittag verlief wie die meisten Tage. Ihr Halbtagsjob füllte sie voll und ganz aus, schnell noch einkaufen, den Jungen aus dem Kindergarten abholen und dann nach Hause, kochen. Das Essen war fertig, der Junge saß auch schon am Tisch, und wie immer, wie es sich für Jungs in diesem Alter gehört, mit einer gehörigen Portion Appetit und einem großen Hunger.
Sie hatte für beide das Essen aufgetan und am Tisch sitzend hatte sie wieder dieses sonderbare Gefühl, als wäre dort jemand hinter ihr. Ganz nah. Zum greifen nah.
Mit einem blitzartigen Reflex griff sie nach hinten und erwischte ein "Etwas". Ihr Sohn schaute sie verdutzt und ein wenig erschrocken an.
Da zappelte etwas in ihrer Hand. Die Katze war es nicht. Langsam schob sie sich mit dem Stuhl ein wenig vom Tisch weg um den Arm vorsichtig nach vorne zu bewegen. Was dann zum Vorschein kam war... unbeschreiblich. Was war das? Es sah aus wie ein kleines, graues Wollknäuel mit kleinen, kurzen und vollkommen dünnen Beinchen und ebenso dünnen und kurzen Ärmchen. Dieses kleine "Ding" wimmerte etwas von loslassen, loslassen und so etwas wie... nicht lachen.
Mama, was ist das hatte der Junge gefragt. Sie wusste es auch nicht. Was sie aber wusste war, dass dieses kleine Ding ihr keine Angst machte. Also fragte sie selbst dies kleine graue Ding. Mit piepsender Stimme sagte es aber immer nur loslassen und nicht lachen. Das hörte sich so komisch an, so piepsig und quitschig, dass Mutter und Sohn auf einmal einen totalen Lachanfall bekamen. Und dann passierte etwas ganz sonderbares. Das kleine graue Ding fing an zu zittern, zu vibrieren und mit einem kleinen "Peng" zerplatzte es in viele, viele kleine Seifenblasen.
Die Seifenblasen schwebten über den Köpfen der Beiden und nach einer ganzen Weile zerplatzten sie. Plöpp, plöpp, plöpp.
Das war so lustig, dass die beiden um sich herum alles vergessen hatten. Es musste mindesten eine halbe Stunde vergangen sein, seit sie hier am Tisch saßen. Als die Mutter auf die Wanduhr schaute waren aber nur wenige Minuten verstrichen und mit einem Mal war ihr einiges klar geworden.
Das mein Sohn sagte sie, das sind kleine Zeitdiebe. Ich habe einmal davon gehört, aber immer geglaubt so etwas würde es gar nicht geben. Sie flitzen umher und versuchen den Menschen Zeit zu stehlen. Von dieser gestohlenen Zeit leben sie. Wenn Du sie fängst und laut lachst, zerplatzen sie und die gestohlene Zeit, die sie noch nicht verbraucht haben wird uns durch die platzenden Seifenblasen zurückgegeben.
Und was machen wir jetzt, fragte der kleine Junge? Lachen, mein Schatz. Wir werden einfach mehr zusammen sitzen uns freuen und lachen. Denn dann kommen sie erst gar nicht. Und wenn du wieder mal einen siehst, versuche ruhig ihn zu fangen. Du weißt ja, diese kleinen sehen so witzig aus, piepsen und quitschen, dass du gleich lachen musst.
So kannst Du ein wenig von der Zeit zurück bekommen, die dir  diese kleinen Zeitdiebe  genommen haben.

Seit dieser Zeit hörte man des öfteren in der Wohnung ein lautes Lachen, gefolgt von dem typischen plöpp, plöpp, plöpp, und dann scheint die Zeit still zu stehen.