Das Märchen vom Müllerssohn

Es war einmal ein Müller, der lebte mit seiner Frau und seinen 3 Söhnen außerhalb der Stadt in einer alten, aber noch gut funktionierenden Mühle. Die Arbeit war mühselig und hart. Obwohl alle drei Söhne kräftig von Statur waren und tatkräftig dem Vater zur Hand gingen reichte der Erlös gerade so, um sie zu ernähren.

Eines Tages erschien der Fürst des Landes an der Mühle und verlangte den Müller zu sprechen. Der kam mit seinen drei Söhnen vor das Haus. Da der Fürst im Krieg mit der Nachbarstadt lag, benötigte er Geld für Waffen und Munition. So erklärte er dem Müller, dass er die Steuern erhöhen werde. Der arme Müller erwiderte, dass er nicht wüsste, wie er dann seine Familie ernähren solle und zog sich, ob seiner Widerworte, den Zorn den Fürsten zu.

Als der Fürst fortgeritten war, besprach sich der Müller mit seinen Söhnen, erklärte, dass er nun nicht mehr wüsste wie es weitergehen solle und sank in seiner Ratlosigkeit zusammen. Da sprach der Älteste zum Vater: “Sei unbesorgt. Ich bin der Älteste und ich bin stark. Ich werde hinausgehen und mein Glück machen. So hast Du einen Mund weniger zu stopfen, ihr könnt gut leben und meine Brüder werden Dir weiter zur Hand gehen.“ Und so geschah es.

Der Älteste aber nahm am nächsten Morgen in aller Frühe sein Bündel und zog hinaus.
Er kam auf seiner Wanderung in einen großen dunklen Wald, durch den ein kleiner Bach plätscherte. Diesem Bach folgte er bis er zu einer alten, verlassenen Hütte kam, die schon ganz zerfallen war. Müde und hungrig von der Wanderschaft, legte er sich vor die Hütte in das grüne Moos am Ufer des Baches, und das Gemurmel des Wassers machte ihn so schläfrig, dass er friedlich einschlummerte.

Erschrocken richtete er sich auf, als eine Hand seine Stirn berührte. Ein junges Mädchen stand vor ihm und starrte ihn an. „Was machst Du hier?“ fragte sie ihn neugierig. „Ich ruhe mich von der Wanderschaft aus“ sagte der Müllerssohn, „und was tust Du in diesem dunklem Wald, so allein?“
„Ich schäme mich so meiner Beine, sie sind derart verkrüppelt, dass ich nicht richtig laufen kann. Die anderen lachen über mich, so dass ich nur hier in dem Wald, an diesem Ort, meinen Frieden finde.“

Da nahm der Müllerssohn sein Bündel, packte das restliche Brot und den Käse aus, nahm seinen Becher und füllte ihn mit dem glasklaren Wasser des Baches und gab dem Mädchen von allem da es ihn dauerte ihr Leid zu sehen.

 „Was willst Du tun?“ fragte ihn das Mädchen, und er antwortet: “Ich gehe in die Stadt, denn der Fürst führt Krieg und er braucht Söldner, die ihm im Kampf unterstützen. Dafür gibt es gutes Geld, damit werde ich Reichtum und Ehre erhalten und kann meinen Eltern helfen, die Steuern zu bezahlen.“ So sprach er und zog fort. Sie aber rief ihm nach, dass, wenn er einmal Leid und Elend empfinde, er jederzeit an diesen Ort zurückkehren könne, denn dann wäre sie für ihn da. In der Stadt angekommen, ließ sich der Müllerssohn in das Heer der Söldner einschreiben und er wurde auf Grund seiner Größe, Stärke und Klugheit einer der Heerführer des Fürsten.

Er nahm sich eine Frau die ihm zwei Kinder gebar und lebte zufrieden mit Ihr. Der Krieg aber, der zwischen den Nachbarstädten herrschte, wollte kein Ende nehmen. Die beiden Fürsten standen sich unerbittlich gegenüber und selbst die Vermittlungsversuche des großen Königs schienen aussichtslos.

Nun war der Fürst des Landes aber noch ohne Frau, so dass er ständig auf Brautschau für sich war. Bei einem königlichen Fest, zu dem auch die Feldherren eingeladen waren, fiel sein Blick auf die Frau des Müllersohns. Sie war schön. Als der Fürst in dem Feldherren, der ja ihr Mann war, den Müllerssohn erkannte, brannte sein Zorn von neuem, denn zu gern hätte er es damals gesehen, dass der alte Müller ihm die Mühle verkauft hätte, so wäre es ihm möglich gewesen, noch mehr Geld für den Krieg zu bekommen, denn alle anderen Mühlen waren inzwischen abgebrannt.

Der Fürst begann um die Frau zu werben. Da auch sie machthungrig war, erhörte sie sein Werben, forderte aber, dass ihr Gemahl, von dessen Herkunft sie nun wusste, aus der Stadt verbannt werden sollte.

So geschah es, dass der Müllerssohn seinem militärischen Rang enthoben und entehrt aus der Stadt gejagt wurde. In seinem Leid und seiner Not schlich er sich in den Wald, wo er ziellos umher irrte, bis er schließlich, dem Bach folgend, wieder an die alte, zerfallene Hütte kam. Hier setzte er sich nieder, fing an zu weinen und schlief ermattet ein.

Es war dieselbe Hand, die ihn wieder an der Stirn berührte, aber diesmal erschrak er nicht. Müde öffnete er die Augen und sah verloren in das klare Gesicht des Mädchens. Da nahm sie seinen Becher, den er zurückgelassen hatte, füllte ihn mit frischem dem Wasser des Baches, gab ihm zu trinken und wusch ihm das Gesicht.

Sie sagte ihm, er müsse noch hier bleiben, sich im Wald verstecken, denn der Fürst hatte alle Menschen gegen ihn aufgewiegelt und er sei für Vogelfrei erklärt. Aber sie würde ihm zwei- bis dreimal in der Woche etwas zu essen bringen und für ihn sorgen, wenn er nur am Leben bliebe und er mit ihr den Worten des Baches, dem singen der Vögel und den Weisheiten der rauschenden Bäume lauschen würde. Und so geschah es, dass der Müllerssohn durch den flüsternden Bach, die singenden Vögel und die rauschenden Bäume alle Märchen der Welt erfuhr und sie mit den Jahren auswendig lernte.

Eines Tages aber, als er wieder auf das junge Mädchen wartete, das inzwischen zur jungen Frau geworden war, blieb sie aus. Obwohl sie sich doch verabredet hatten und die Zeichen zu seiner Sicherheit wohl abgesprochen waren. So kam es, das der Müllerssohn all seinen Mut zusammen nahm und losging, aus dem Wald heraus. Dort musste er erkennen, dass noch immer Krieg herrschte. Es bewegte sein Herz so sehr, dass er auf eine freie Fläche, genau zwischen die beiden verfeindeten Städte trat. Dort, auf einer kleinen Anhöhe, setzte er sich nieder, genau zwischen die Fronten, so dass die Soldaten, verwundert über diesen mit alten Lumpen bekleideten Menschen, ihren Kampf einstellten.

Mit einem Mal fing der Müllerssohn an, laut zu erzählen und die Kinder der beiden Städte kamen neugierig herbei gelaufen und hörten ihm zu, wie er bis zum nächsten Morgen die Märchen des ersten Äon erzählte.

Bei Sonnenaufgang sahen die Bewohner der beiden Städte die Traube der Kinder um den Mann und alle begaben sich, nach und nach, vorsichtig aber voller Neugierde, zu dem seltsamen Mann in den alten Lumpen. Und wieder begann der Müllerssohn und erzählte bis zum nächsten Morgen die Märchen des zweiten Äons.

Wiederum bei Tagesanbruch kamen die Soldaten und Söldner, müde des Kampfes  und des Krieges zu der Stelle und hörten zu, wie der Müllerssohn bis zum nächsten Morgen die Märchen des dritten Äons erzählte.

Die Kunde über den Märchenerzähler hatte inzwischen auch die Fürstenhäuser erreicht und als der Tag begann, versammelten sie sich ebenso um dem Müllerssohn und hörten ihm zu, wie er bis zum nächsten Morgengrauen, die Märchen es vierten Äons erzählte.

Nun hatte sich auch der König unerkannt unter die Zuhörerschaft gestellt und als der Müllerssohn mit den Märchen des fünften Äons endete, sprachen alle, erzähl uns noch mehr, erzähl uns doch auch die Märchen des sechsten Äons. Da aber sprach der Müllerssohn: „Das sechste Äon beginnt erst jetzt, ihr seid die lebenden Märchengestalten und euer Leben schreibt diese Märchen, die einst ein anderer erzählen wird.“

Da sahen sich die Menschen erstaunt an und sie erkannten, dass sie alle zusammen gerückt waren, denn in den Nächten war es kalt geworden. Soldaten und Söldner beider Seiten hatten sich untereinander in Decken gehüllt. Die Bewohner der beiden Städte waren an den von Ihnen entzündeten Feuern eng aneinander gerückt und die Kinder waren allesamt so dicht aneinander gerutscht, dass sie dort wie ein einziges großes Knäuel saßen, nur mit so vielen Händen und Füßen.

Als sie alle das sahen, erkannten sie ihr Elend und waren stumm vor lauter Trauer. Diese Trauer wich aber allmählich einer großen Freude, denn sie wussten nun, dass sie wieder zueinander gefunden hatten. Der König verkündete den Frieden, es wurde ein großes Fest gefeiert und alle schworen sich, niemals mehr sollte es Krieg zwischen ihnen geben. Der Müllerssohn aber, ging leise zurück in den Wald, wo er sich vor die Hütte setzen und dem plätschern des Baches lauschen wollte.

Dort wartet aber schon der große König auf ihn. Er bedankte sich bei dem Müllerssohn dafür, dass er dem Land nach so vielen Kriegsjahren den Frieden gebracht hatte. Dann erklärte er ihm, dass er aus Dankbarkeit, seine Tochter mit dem Müllerssohn vermählen werde. Er rief daher seine Tochter zu sich. Es war die junge Frau, die dem Müllerssohn über so viele Jahre versorgt hatte. Sie war schöner als je zuvor, hatte lange schwarze Haare, smaragdgrüne Augen, war zierlich von Gestalt und vollkommen gesund, denn die Liebe des Müllerssohn hatte den Fluch, der auf ihr lag, gebrochen.

So wurde eine große Hochzeit gefeiert und beide lebten glücklich über alle Zeiten hinweg....